„Wir sind gegen Gender“

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Alexander Tassis vertritt die Homosexuellen in der AfD. Im Interview erzählt er, warum Schwule und Lesben in der Partei wichtig sind.

Von Elsbeth Föger

Herr Tassis, Sie vertreten die Homosexuellen in der AfD. Warum?

Als wir im Oktober 2014 die Bundesinteressengemeinschaft für Homosexuelle gründeten, hatte niemand Lust, sein Gesicht da hinzuhalten. Wer mag schon den Vorzeigeschwulen einer nationalkonservativen Partei machen? Als man mich gefragt hat, habe ich gesagt: Ich bin für jeden Spaß zu haben.

Sie sind der Sohn eines griechischen Werftarbeiters. Die AfD betont immer wieder, dass Sie ihr schwuler Migrant sind. Fühlen Sie sich als „Vorzeigeschwuler“?

In einem gewissen Sinne bin ich das jetzt. Aber ich habe damit keine Probleme. Das ist für mich genauso normal, wie die Schwulen, Lesben und Transsexuellen in der Partei zu vertreten.

Ihre Partei poltert gegen die Homo-Ehe und propagiert ein traditionelles Familienbild. Wie passt das zu Ihrem Amt?

Warum soll man als Homosexueller kein traditionelles Familienbild für die Gesamtgesellschaft wünschen? Es sind meist Leute anderer politischer Denkweisen, die meinen, Regenbogenleute würden etwas anderes wollen als andere. Den Schwulen wird oft gesagt: Lebt doch eure Buntheit, lebt doch eure Schrillheit! Dabei wird diese Schrillheit uns nur zugeschrieben. Sehr wenige Schwule wollen das so leben wie auf dem Christopher Street Day. Wir brauchen eine andere, patriotische Stimme für die Homosexuellen in Deutschland.

Haben Sie ein Problem damit, wenn jemand eine grüne Federboa trägt?

Nö. Ich komme aus Bremen, da sind wir dermaßen links, dass wir gar keinen Christopher Street Day haben, weil das als kapitalistische Feier gilt. Da war ich jetzt auch schon mal, aber das ist nicht so meins.

Wurden Sie je diskriminiert?

Nein, nie – weder als Homosexueller noch als Halbgrieche. Ein richtiges Coming Out hatte ich auch nicht. Meine Eltern haben das im positiven Sinne nie thematisiert: Wir haben drüber geredet, als ich 15 Jahre alt war, und das war’s. Meine Großeltern waren sehr konservativ, haben aber gesagt: Er ist schwul, das ist ja prima. Vielleicht habe ich da Glück gehabt.

In Thüringen hat die AfD-Landtagsabgeordnete Corinna Herold eine Zählung der Homosexuellen gefordert. Ärgert Sie das?

Darüber ärgere ich mich nicht. Der Antrag ist völlig in Ordnung. Es ging darum, dass die rot-rot-grüne Bundesregierung einen Millionenetat gegen Diskriminierung aufstellen wollte. Corinna Herold wollte nur wissen, woher die Regierung die Zahlen hat, denn nach ihrem Wissen würden Schwule kaum erfasst. Diese Zahlen sind verknüpft mit dem Anspruch, Schwulenpolitik zu machen.

Zählen Sie eigentlich die Homosexuellen in Ihrer Partei?

Nein, wir fragen danach natürlich nicht. Aber wir haben sehr viele Schwule und Lesben – in allen Führungsetagen. Das ist im Grunde nicht erwähnenswert. Ich sage das nur, weil linke Kreise uns vorhalten, dass wir das nicht hätten. Wenn die Schwulen und Lesben weg wären, würde das eine Lücke in unsere Partei reißen.

Manchen in der AfD wäre das vielleicht ganz recht.

In den westlichen Landesverbänden der AfD ist die christliche Komponente stärker. Da fallen manchmal Worte wie „Todsünde“ für Homosexuelle. Da japst man dann als Schwuler ein bisschen nach Luft und fragt sich: Muss das wirklich sein? Mit den Christen kann man sich ein bisschen boxen. Aber sonst gibt es keine Probleme. Als Wahlkampfredner werde ich ständig mit Vorträgen zu schwulen Themen eingeladen. Bis in die hintersten Ecken unserer Kreisverbände, auch im ländlichen Raum. Es sind eher die liberalen Parteikreise, die sich weniger mit dem Thema beschäftigen. Dort will man sich abgrenzen zu den Grünen.

Posts und Tweets der AfD: Homosexualität ja, Islam nein?

Ein Streifzug durch die sozialen Medien zeigt: Um Schwulenfeindlichkeit in den eigenen Reihen geht es bei der AfD kaum – aber um angebliche Homophobie bei zugewanderten Muslimen.

 

Auch Homosexuelle in der AfD richten sich gegen Gender Mainstreaming an Schulen. Was verstehen Sie darunter?

Für mich ist das jene Vorgabe für die Bildungsministerien, Geschlechterfragen schulfachübergreifend einzuführen. Das lehnen wir grundsätzlich ab. Die AfD hat nichts gegen Sexualunterricht, aber wir sind gegen Gender – also gegen die Ansicht, weiblich und männlich ständig hinterfragen zu müssen. Ich wüsste nicht, warum man diese Zuweisung in Frage stellen muss. Wir sind 40 Jahre ohne ausgekommen. In den Achtzigerjahren sind wir groß geworden, ohne zu Verklemmten erzogen zu werden. Die gestiegene Toleranz gegenüber und die Entkriminalisierung von Homosexuellen liefen ja auch ohne Gender ab. Diese Gender-Idee, die Wechselbarkeit des Geschlechts, ist eine große Gefahr.

Wie meinen Sie das?

Wir haben jahrzehntelang dafür gekämpft, dass Homosexualität als angeboren gilt. Das ist ein Riesen-Fortschritt. Wenn die Gender-Ideologen nun sagen, sexuelle Orientierung und Geschlechter kann man einfach so ändern, dann stellt das die Unwandelbarkeit der Homosexualität sehr in Frage.

Die AfD Baden-Württemberg schreibt in ihrem Parteiprogramm, man wolle, dass „jedes Kind darin gestärkt wird, sein biologisches Geschlecht anzunehmen“. Wie steht die AfD zu Transsexuellen?

Auch in unserer Bundesinteressengemeinschaft gibt es Transsexuelle. Und als einmal Transsexuelle von Flüchtlingen angegriffen wurden, hat die Junge Alternative darauf aufmerksam gemacht. Da kann man natürlich sagen: Jetzt entdecken die Rechten in der Flüchtlingskrise die Schwulenfrage, wie populistisch! Aber es ist doch erstaunlich, dass nicht die Grüne Jugend oder die SPD diesen Vorfall thematisiert haben, sondern die Junge Alternative. Das Problem sehen wir in der Islamisierung.

Aber Schwulenhass ist doch kein muslimisches Phänomen.

Nein, aber in Deutschland begegnet uns das schon verstärkt. Viele Islamverbände sind homophob. Zum Beispiel die Ahmadiyya-Gemeinde in Erfurt. Mit der haben wir ein so grauenhaftes Gespräch geführt, dass die AfD ein Verbot dieser Gemeinde gefordert hat. Das waren erschreckende Antworten: Da lehnt man Homosexualität offen ab.

Gehört Homosexualität zu Deutschland?

Auf alle Fälle. Ich will das auch aus patriotischen Gründen publik machen: Es gibt seit Jahrhunderten eine schwule Subkultur in Deutschland. Friedrich der Große, Kaiser Karl VI. und Prinz Eugen von Savoyen – das sind Namen, die Patrioten zum Strahlen bringen. Und das waren nun mal Homosexuelle. Die deutsche Homosexuellenbewegung war die führende der Welt. 1933 ist viel davon zerstört worden.

Auch vor der NS-Zeit war Deutschland nicht schwulenfreundlich.

Wohl wahr, aber es gab Vorreiter und Kämpfer. Deutschland war das Land der Homosexuellenemanzipation.

Foto: Ludociv Bertron (CC BY 2.0) / Alexander Tassis

 

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Unsere Autorin besucht eine transsexuelle AfD-Anhängerin, die mit einer Muslimin verheiratet ist. Fürs RLY?-Magazin erzählt sie, warum sie sich bei der AfD nicht diskriminiert fühlt – und warum sie den Christopher Street Day ablehnt.

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