FELD
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Kapitel 1 - Das Turnier

Besuch aus Colombo

In der bayerischen Provinz findet jedes Jahr ein Handball-Turnier für Dorfvereine statt. Doch 2004 nimmt auch die Nationalmannschaft aus Sri Lanka teil. Die Freude im Dorf ist groß – bis die Gäste aus Asien spurlos verschwinden.

Simone Michl hält das Pappschild in die Höhe, damit die Gäste aus Asien die zierliche blonde Frau am Flughafen entdecken. Es ist der 9. September 2004, und Michl befindet sich auf einer wichtigen Mission. Sie soll die Handball-Nationalmannschaft von Sri Lanka am Münchner Flughafen abholen. Darum hat sie sich den Tag freigenommen, einen Bus gemietet und ist die zwei Stunden von Wittislingen, einem Dorf in der Nähe von Augsburg, zum Flughafen gefahren. Schon in den letzten Tagen hat Michl viel organisiert, ein Bettenlager und Verpflegung für 23 Männer aus Asien. Sie sammelte im ganzen Dorf Matratzen, Decken und Laken zusammen und schleppte alles in das Vereinsheim des TSV Wittislingen, organisierte Werksbesichtigungen bei örtlichen Firmen. Damit die Sportler nicht nur Turnhalle und Vereinsheim von innen sehen, wenn sie schon mal in Deutschland zu Gast sind. Denn Simone Michl will etwas Neues im Dorf machen. Etwas, „was nicht jeden Tag der Fall ist“.

Eine Handball-Nationalmannschaft ist in Wittislingen noch nie der Fall gewesen. In der 2000-Seelen Gemeinde im schwäbischen Teil von Bayern begrüßt der TSV Wittislingen normalerweise Vereine aus der Umgebung. In der Dorfsporthalle neben der Grund- und Hauptschule Wittislingen gastieren sonst der TSV Neusäss oder der SC Ichenhausen II. Gegner aus der Bezirksklasse West. Jedes Jahr im Herbst veranstalten die Wittislinger ein Turnier, unterklassige Handballteams spielen ein Wochenende lang um den Pokal. Nach den Spielen steigt eine Party mit allen Teilnehmern.

Doch 2004 gelingt den Organisatoren um Manfred Selzle der spektakuläre Coup: Neben den Vereinen aus der Region nimmt in diesem Jahr die Nationalmannschaft aus Sri Lanka teil. Den Kontakt in das ferne Land hat der Bayerische Handballverband hergestellt. Kurz vor dem Wittislinger Turnier erschien auf dessen Website eine Anzeige: Die Nationalmannschaft aus Sri Lanka sucht für eine Tournee durch Deutschland noch Gegner. Einzig Unterkunft und Verpflegung müssen die Vereine stellen. Simone Michl stellt sie.

Wo genau Sri Lanka liegt, wissen nur die wenigsten Spieler des TSV, doch gegen eine echte Nationalmannschaft zu spielen – das reizt alle in Wittislingen. Organisator Manfred Selzle stellt den Spielplan um, Simone Michl schreibt „Sri Lanka“ auf ein Pappschild und fährt zum Flughafen. Das Turnier kann kommen.

Kann eine Nationalmannschaft so schlecht sein?

Den Nationalspielern bietet sich in der bayerischen Provinz eine Postkartenidylle, als Simone Michl sie im Bus nach Wittislingen fährt. Sie fahren vorbei an der Dorfkirche, auf deren Dach ein Storchenpaar sein Nest gebaut hat, vorbei an gepflegten Vorgärten mit gemähten Rasen und gestutzten Hecken. Der Linienbus nach Dillingen, die nächste größere Stadt, fährt einmal in der Stunde.

Das Vereinsheim des TSV Wittislingen liegt direkt neben der Sporthalle. Die Nationalspieler räumen ihr Gepäck in den großen, gefliesten Raum. Viele sind müde, die Reise aus Colombo, der Hauptstadt Sri Lankas, bis hierher, ins Matratzenlager nach Wittislingen ist wie die Fahrt in eine andere Welt. Am nächsten Tag empfängt Bürgermeister Reinhold Sing die Sportler im Rathaus, wo sie sich in das goldene Buch der Stadt eintragen.

Beim Training am Abend vor dem Turnier treffen die Nationalspieler erstmals auf ihre Gegner aus Wittislingen. Die Feierabend-Sportler aus Bayern wundern sich über den vermeintlich übermächtigen Gegner: Die Nationalmannschaft absolviert ein ganz eigenes Aufwärmprogramm, kaum ein Spieler wirft auf das Tor, alles sieht ziemlich konfus aus. Ein kurzfristig angesetztes Trainingsspiel gewinnen die Wittislinger mit 20 Toren Vorsprung. Turnierorganisator Manfred Selzle erhält erste Warnungen. Die Spieler des TSV Wittislingen befürchten, das Turnier sei in Gefahr. Wittislingen droht, sich zu blamieren, denn das Nationalteam ist nicht so professionell wie erwartet – und längst nicht so stark. Die Handballer aus Asien spielen richtig schlecht.

Als das Turnier beginnt, bestätigen sich die Befürchtungen der Wittislinger. Sri Lanka verliert jedes Spiel und einige Spieler aus der Mannschaft kennen offenbar nicht einmal sämtliche Regeln des Spiels. Mit einem desaströsen Torverhältnis wird die Mannschaft Letzter. Trotzdem wird jeder Auftritt der exotischen Gäste zelebriert und gefeiert. Vor dem geplanten Höhepunktes des Turniers, dem Spiel des TSV Wittislingen gegen die Nationalmannschaft, laufen die Mannschaften zu den Klängen der Nationalhymnen von Deutschland und Sri Lanka ein, das Publikum in der Wittislinger Sporthalle erhebt sich geschlossen von den Sitzen. Die Asiaten verlieren auch dieses Spiel haushoch. Den Spaß am Spiel und am Turnier lassen sich die Männer aber nicht nehmen. Auf der Tribüne und der Party nach dem Turnier feiern die Sri Lanker ausgelassen mit ihren deutschen Gastgebern: „Karibische Nacht“ lautet das Motto.

Nach der Party folgt das bittere Erwachen

Am Morgen des 13. Septembers, es ist ein Montag, steht die Werksbesichtigung bei der Firma Bosch im nahen Dillingen an der Donau an, die Michl für die Nationalspieler organisiert hat. Simone Michl und die ehrenamtliche Helferin Waltraud Straßer, die jeden Morgen für die Spieler das Frühstück vorbereiten, sind auch an diesem Tag früh auf den Beinen. Sie kochen im Vereinsheim Kaffee, kaufen beim Bäcker frische Brötchen, füllen Platten mit Wurst und Käse und stellen Nutella-Gläser auf den Tisch. Doch der Kaffee droht an diesem Morgen kalt zu werden, denn die Spieler aus Sri Lanka kommen nicht aus ihrem Schlafraum. Waltraud Strasser beschließt, zu warten, vielleicht sind die Sportler ja beim Joggen im Wald. Nach einiger Zeit bitten die Frauen zwei Männer um Unterstützung. Sie öffnen die Türe zum Schlafsaal – er ist leer. Nur einige Koffer haben die Handballer aus Sri Lanka dagelassen. Die Sportler sieht Waltraud Straßer nie wieder.

Kapitel 2 - Die Planung

Tore aus Deutschland

In Sri Lanka wird eine Handball-Nationalmannschaft gegründet. Schon vorher soll die deutsche Organisation A.G.S.E.P. eine Tour in das Mutterland des Handballs planen. Doch ihr Vorsitzender ahnt, dass etwas nicht stimmt.

Im Frühling 2003 betreten zwei Männer das Büro von Dietmar Döring in Marawila, einer Küstenstadt, 55 Kilometer von der Hauptstadt Colombo entfernt. Einer der beiden ist ein Mitarbeiter des Bildungsministeriums. Der andere heißt Athula Wijeratna und stellt sich als Nationaltrainer vor. Die Männer erklären, dass sie gerade den ersten nationalen Handballverband gründen. Im nächsten Jahr würden sie gerne die sri-lankische Nationalmannschaft nach Deutschland schicken, um sie gegen dortige Vereine antreten zu lassen.

Für Döring sind solche Treffen nicht ungewöhnlich. Der ehemalige Tischtennisbundesliga-Spieler aus Duisburg zog 1989 nach Sri Lanka, um die Tischtennis-Nationalmannschaft zu trainieren. Dafür gab er seinen sicheren Job als Lehrer auf. Seitdem organisiert er als Vorsitzender des Asian German Sports Exchange Program (A.G.S.E.P.) Sportaustauschprogramme zwischen Deutschland und Sri Lanka.

Die Männer machen einen seriösen Eindruck

Döring sagt den beiden Offiziellen, dass sie die Mannschaft in sein Büro schicken sollen, damit er sich ein Bild von ihr machen kann. Einige Wochen später besuchen ihn etwa zwanzig junge Männer. Die meisten sprechen kein Englisch und diejenigen, die ein paar Brocken beherrschen, trauen sich nicht, mit ihm zu reden. Dörings Singhalesisch ist nicht gut genug für ausgiebige Konversationen, weshalb er sich nur mit dem Organisator Wijeratna unterhält. Doch die gutgekleideten jungen Männer machen auf ihn einen seriösen Eindruck. Vielleicht ein bisschen zu seriös. Ihre Anzüge und Krawatten irritieren Döring. Normalerweise geht es in Sri Lanka legerer zu, der A.G.S.E.P.-Leiter ist es gewohnt, dass Sportler ihn in Sportklamotten besuchen.

In Dörings Organisation arbeiten immer mehrere Praktikanten, meistens Studenten aus Deutschland. Für 490 Euro Miete im Monat wohnen sie in seinen Sporthotels und versuchen sich als Entwicklungshelfer. Im Sommer 2004 hat er einen jungen Handballspieler aus Potsdam in seinem Team. Eigentlich wollte der Sportstudent Björn Rupprecht nur ein paar entspannte Monate mit seiner Freundin unter der sri-lankischen Sonne genießen. Doch Döring hat andere Pläne mit ihm: Der 25-jährige soll die neu gegründete Handballnationalmannschaft trainieren.

Technik und Regeln sind ihnen völlig fremd

Schon beim ersten Training stellt Rupprecht fest, dass ein hartes Stück Arbeit vor ihm liegt. Die jungen Männer haben noch nie Handball gespielt, Technik und Regeln sind ihnen fremd. Die Mannschaft besitzt einen einzigen Ball. Rupprecht wundert sich. Aber Döring erklärt ihm, dass der Nationaltrainer Wijeratna die Sportart erst vor kurzem in Bangladesch kennengelernt hat und sie nun in Sri Lanka etablieren will. Rupprecht fragt nicht weiter nach. Stattdessen organisiert er Lehrvideos, Bälle, zwei Tore und jedem Spieler ein Paar gute Schuhe – spendiert von einem Potsdamer Sportgeschäft. Sri Lankas englischsprachige Zeitung "Daily News" schrieb über die neue Nationalmannschaft und die Potsdamer Neuesten Nachrichten feierten Rupprecht als engagierten Entwicklungshelfer.

Ihr erstes Spiel gegen eine deutsche Mannschaft verlieren Rupprechts Schützlinge noch in Sri Lanka. Dietmar Döring kann sich bis heute gut daran erinnern.

Döring ahnt, dass etwas nicht stimmt

Seit vielen Jahren kennt Döring Sri Lanka und seine Sportlandschaft. Er weiß, dass sich die meisten Sportarten in einem Entwicklungsstadium befinden – ebenso wie das ganze Land. Damit die Handballer trotz ihres niedrigen Spielniveaus nach Deutschland reisen können, kontaktiert er den Bayerischen Handballverband mit der Bitte, das Label „Nationalmannschaft“ nicht überzubewerten und andere niederklassige Vereine als Spielpartner zu finden. Das Interesse an den Handballern ist riesig. Innerhalb weniger Tage kann Döring die komplette Tour organisieren, das passiert selten.

Döring schreibt einen Brief an die Deutsche Botschaft in Sri Lanka, damit die Spieler problemlos ein Visum erhalten. Er mag die jungen Männer. Sie folgen den Anweisungen seines Praktikanten und erscheinen zu jedem Pressetermin in Anzügen. Aber Dörings Bauchgefühl sagt ihm, dass etwas nicht stimmt.

Jeder einzelne Spieler muss eine Bürgschaft unterschreiben, in der sie Döring versichern, dass ihre Familien für sie haften. Sollten sie nach der Deutschlandtour nicht nach Sri Lanka zurückkehren, wird viel Geld fällig: 500.000 Rupies, umgerechnet etwa 3.500 Euro. In Sri Lanka ist das ein ganzes Jahresgehalt. Nur zwei Tage vor Abflug treten plötzlich zwei Spieler von der Reise zurück – angeblich wegen Verletzungen. Sie werden gegen zwei andere ausgetauscht. Die beiden Neuen benötigen sehr kurzfristig ein Visum, aber die Deutsche Botschaft zeigt sich kooperativ.

Am Donnertag, den 9. September 2004 geben 23 gutgekleidete junge Männer ihre Koffer am Flughafen in Colombo auf. Mit blütenweißen Hemden, dunklen Anzügen und seidenen Krawatten steigen sie in ein Flugzeug nach München.

Kapitel 3 – Der Fall

Flucht aus Bayern

Eine Handball-Nationalmannschaft verschwindet eines Nachts in der bayerischen Provinz. Was zunächst wie eine Posse aussieht, entwickelt sich zu einem Kriminalfall.

Als Lothar Knab beschließt, Bayern gegen kriminelle Ausländer zu verteidigen, kauft er sich einen Reiseführer. Sri Lanka prangt in großen Lettern auf dem Umschlag, gleich neben dem roten Sonderpreis-Aufkleber. Knab will wissen, woher die Menschen kommen, die er nun jagen soll.

Es ist der 15. September 2004, Hauptkommissar Knab sitzt in seinem kleinen Büro bei der Kriminalpolizei in Dillingen, einer Kreisstadt im bayerischen Schwaben, die sich wegen der vielen Kirchen gerne das „Schwäbische Rom“ nennt. Seit zwei Tagen verfolgen der 48-Jährige und seine Kollegen einen Fall, der so kurios ist, dass er die ganze Region beschäftigt: Am Montag, gegen elf Uhr vormittags wurden zwei Beamte der Schutzpolizei in das nahegelegene Wittislingen gerufen. 23 Sri Lanker, eine ganze Handballmannschaft samt Entourage, werden dort vermisst. Nur ihre Koffer und einen Abschiedsbrief haben sie hinterlassen. Seither fehlt jede Spur von ihnen – als habe sich der frischgestutzte Rasen in den Vorgärten aufgetan und die dunkelhäutigen Asiaten verschluckt. Eigentlich unmöglich in der schwäbischen Provinz.

In Sri Lanka gibt es keinen Handballverband

Noch glauben alle, es handele sich um eine harmlose Posse. Doch Knab ist sich sicher, dass mehr dahinter steckt: kriminelle Machenschaften, bandenmäßige Einschleusung, das ganz große Ding. An diesem Tag bekommt er den Auftrag, die Sri Lanker zu suchen. Die Arbeitsgruppe „Handball“ wird gegründet, jeden Tag treffen sich vier Beamte der Kripo und der Schutzpolizei und machen sich auf die Jagd. Indizien deuten darauf hin, dass sich die Mannschaft nach Italien abgesetzt hat – nicht, wie anfangs gedacht, nach Frankreich.

In den nächsten Wochen vergräbt sich Knab in die Akten. Wälzt Ordner voller Zeugenaussagen, wendet sich an Interpol und sucht im Internet nach Kontakten in Sri Lanka. Schnell ist klar, dass dort niemand von der Handball-Nationalmannschaft weiß. Sri Lanka habe nicht einmal einen Handballverband, sagt ihm die Botschaft. Knab schaltet das Bundeskriminalamt ein, um die Organisation A.G.S.E.P. in Marawila überprüfen zu lassen, die die Mannschaft nach Deutschland vermittelt hatte. Doch vor Ort will niemand etwas mit dem Verschwinden zu tun haben. Alle Spuren führen zurück nach Deutschland.

Manchmal möchte Knab in einem anderen Land leben

Lothar Knab taucht durch ein Meer von Zahlen. Nur selten holt er Luft. Auf seinem Tisch liegen die Ausdrucke aller Telefonnummern, die von den Handys der Sri Lanker angerufen wurden. Es ist ein gewaltiger Stapel. Wenn sich andere über den Überwachungsstaat beklagen, greift sich Knab an den Kopf. Diese Leute hätten keine Ahnung von seiner Arbeit, heutzutage könne er organisierte Kriminelle ohne Verbindungsdaten nicht mehr fassen. Der Hauptkommissar erträgt es nicht, dass sich Fremde auf Kosten seines Staates ein schönes Leben machen. So sieht er den Fall. Er ist vom Ehrgeiz getrieben, auf der Suche nach Genugtuung. Manchmal wünscht er sich, in einem Land zu leben, in dem die Menschen ihn verstehen.

Nach wenigen Wochen arbeitet Knab alleine an dem Fall. Langsam zeigt sich, dass sein Anfangsverdacht richtig war: Die Visa der angeblichen Spieler waren erschlichen, eine Bande von Hintermännern hat die Gruppe von Deutschland aus eingeschleust. Sechs Verdächtige stehen im Visier des Hauptkommissars. Sie leben um Köln und München, sind sri-lankischer Abstammung. Einige sind mit den Flüchtigen verwandt. Knab fährt nach Köln, um die Wohnung von Herrn B.* zu durchsuchen. Danach kann er seine Ermittlungsakten schließen.

„Ich bin da irgendwie reingeraten“

Die Richterin trägt vier dicke Ordner in das Sitzungszimmer des Amtsgerichts Dillingen. Noch nie gab es hier einen so spektakulären Fall.

Es ist der 20. November 2007, drei Jahre nach dem Verschwinden von 23 Männern. Keiner von ihnen sitzt heute auf der Anklagebank. Stattdessen hocken jetzt eine Frau und fünf Männer in Dillingen, die ihnen bei der Flucht aus Bayern geholfen haben sollen. Unter den Angeklagten ist auch Herr B.. Der Mann Anfang 40 wurde als Kind von Deutschen adoptiert, nun hat er selbst drei Kinder und wenig Geld. In seiner Wohnung hat Hauptkommissar Knab die letzten Verbindungshinweise zu den anderen Angeklagten gefunden. Sie sollen die Handballer gemeinsam nach Deutschland eingeschleust haben. Herrn B. drohen deswegen neun Monate Bewährungsstrafe und der finanzielle Ruin. Der vermeintliche Schleuser streitet alles ab. Er sei da irgendwie reingeraten, habe nur einem Freund einen Gefallen getan und niemals Geld für seine Dienste erhalten. Dass die Spieler in Wahrheit Flüchtlinge waren, habe er nicht geahnt. Alle im Raum erzählen diese Geschichte, alle erzählen von einem Freund. Kennen will ihn niemand.

Die Richterin glaubt ihnen nicht. Knabs Ermittlungsergebnisse sprechen gegen die Angeklagten. Sie sind die einzigen, die in diesem Fall zur Verantwortung gezogen werden können. Am Ende wird ein Deal zwischen Staatsanwaltschaft und Verteidigern geschlossen: Gegen drei Beschuldigte wird das Verfahren eingestellt, die anderen müssen eine Geldstrafe wegen gemeinschaftlicher Einschleusung von Ausländern zahlen. 90 Tagessätze à zehn Euro, dazu die Prozesskosten. Viel Geld für Herrn B..

Die Flüchtigen, eine vermeintliche Handball-Nationalmannschaft aus Sri Lanka, hat er seit damals nicht wieder gesehen. Sie blieben verschwunden. Irgendwo in Italien.

Epilog

Dietmar Döring sitzt in seinem Büro in Marawila und wartet. Er wartet darauf, dass sich die Türe öffnet und ein Mann den Raum betritt, von dem er dachte, dass er ihn nie wieder sehen würde. Und der Schuld daran war, dass seine Organisation A.G.S.E.P. in Verruf geraten ist. Es klopft zaghaft, dann tritt ein gut gekleideter Herr herein.

Herr S.*, der Co-Trainer der Handballmannschaft, die Döring 2004 nach Wittislingen vermittelt hatte, steht im Türrahmen. Er ist einer der 23 Männer, die sich nach Italien abgesetzt haben, um dort zu arbeiten. In Sri Lanka heißt es, Italiener schätzen die Asiaten als billige und verlässliche Arbeitskräfte. Nach Papieren frage deshalb niemand. Doch Herr S. hatte kein Glück, fand keine Arbeit in Mailand. Eigentlich wollte er Geld verdienen, um seine zurückgelassene Familie zu ernähren. Nun steht er hier, in Dörings Büro.

In den letzten Tagen hat der Mann mehrfach angerufen, um die sri-lankische Sekretärin nach der Laune ihres Chefs zu fragen und zu erfahren, ob sein Entschuldigungsbrief angekommen ist. Herrn S. Furcht ist förmlich zu spüren. Döring weiß, warum. Der Organisationsleiter hatte vor der Abreise nach Deutschland von jedem Spieler eine Bürgschaft verlangt, eine Garantie für die Rückkehr der Mannschaft. Dafür musste Herr S. das Grundstück seiner Familie verpfänden.

Dietmar Döring hat lange darüber nachgedacht, die Bürgschaft der Spieler einzulösen. Der Imageschaden seiner Organisation war immens, keiner seiner Sportler bekam nach der Flucht der Handballer noch ein Visum. Döring musste das Austauschprogramm einfrieren. Doch dann dachte er nach, versuchte, sich in die Lage der Geflohenen zu versetzen. In eine Wellblechhütte mit Großfamilie. In ein Leben ohne Zukunft und Geld.

Er bittet Herrn S., Platz zu nehmen.

* Namen sind der Redaktion bekannt.